aus ANTHROPOSOPHIE IM DIALOG NOVEMBER 2014
von Ingeborg Woitsch
Lebensfäden

Mit Bilderbüchern heilen

Auf einem liebevoll und interdisziplinär ausgerichteten Symposium konnte man kürzlich das Konzept der BilderBuchApotheke von Angela Thamm kennenlernen. Die Psychotherapeutin ließ ihre Gäste erleben, was Bilderbücher zu Ängsten, Stress und Resilienz zu sagen haben. Ein lebendiger Marktplatz lud ein mit literaturtherapeutischen KollegInnen über deren Arbeit ins Gespräch zu kommen.

Eine Psychotherapeutin erfindet die „BilderBuchApotheke“ foto: privat
Eine Psychotherapeutin erfindet die „BilderBuchApotheke“ foto: privat

Bilderbücher können heilen, ist Angela Thamm überzeugt. Sie sprechen unmittelbar die Sprache der Gefühle, von Freude, Trauer, Angst und Wut und wissen von schmerzlichen Momenten in der eigenen Entwicklung. Dabei sind sie klug genug, nichts zu bewerten oder uns Lösungen aufzudrängen. Bilderbücher laden uns ein, uns selbst auf den Weg zu machen und im Wandern durch Bilder und Worte unsere eigenen Szenen für Verletzungen zu finden. Bilderbücher erreichen Menschen unabhängig von Alter, Herkunft und Bildung durch ihre urbildhaften Szenen und durch ihre Sprache der Einfachheit. Dadurch gelingt es, Gefühlskomplexe und verdrängte Konflikte und Traumen aufzufinden, zu benennen und im therapeutischen Prozess zu erlösen.

Seit 2006 treibt Angela Thamm ihr Projekt nicht nur in Aachen, sondern weltweit voran. Denn mangelnde verbale Ausdrucksfähigkeit bedeutet weit mehr als schlechte Noten in der Schule oder eine gewisse Sprachlosigkeit im späteren Leben. ADHS, Computersucht, psychische Erkrankungen, Gewalt, auch Burnout-Syndrome oder Depressionen haben immer auch mit Sprachdefiziten zu tun. Wir leben gegenwärtig relativ stumm in einer überlauten Medien-Gesellschaft, so Thamm. Der Fernseher redet, – aber nicht mit uns, jedenfalls nicht mit uns persönlich. Wir erleben immer deutlicher, wie sehr die mediale Reizüberflutung und die fehlende Resonanz Kinder in ihrer (Sprach) Entwicklung beeinträchtigt. Die Welt der inneren Bilder, die Fantasie verkümmere bei Kindern zunehmend, bedauert Angela Thamm.

Um der modernen Medienwelt etwas entgegensetzen zu können, reiche es nicht, Kindern ein Buch in die Hand zu drücken. Vorleseprojekte haben sich dann bewährt, wenn Buch, VorleserIn und Zuhörer eine Wohlfühleinheit bilden, in der innere Bilder entstehen können. „Die fünf Sinne Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten sind es, mit denen wir unserer Sprache szenische Lebendigkeit einverleiben“, so Thamm. „Ein Kind, das nicht weiß, wie es im Wald riecht, wie sich Waldboden oder eine Rinde anfühlt, kann mit dem Wort Wald auch nichts verbinden.“ Der Zusammenklang von Literatur, Musik, Malerei und Theater erweitert unsere sprachliche Welt. Eine gute Methode besteht demnach darin, Kinder nach einer vorgelesenen Geschichte eigene Bilder malen und anschließend erklären zu lassen oder Bilderbuch-Geschichten nachzuspielen. So wächst im eigenen Ausdruck auch neues Selbstbewusstsein und das Unsagbare wird sagbar. Eingeübt werden auf diesem Wege grundlegende kommunikative Kompetenzen, die Schulung von Empathie-Fähigkeit, die Verstärkung kooperativer Handlungsmuster und die Festigung kultureller Fertigkeiten wie z.B. dem handschriftlichen Schreiben, welche in unseren multimedialen Zeiten häufig zu kurz kommen.

Basierend auf ihrer langjährigen Erfahrungen als Literaturwissenschaftlerin, Dozentin, Supervisorin und Psychotherapeutin hat Angela Thamm geeignete Bilderbücher sowie Infotexte, die das Konzept erläutern, auf ihrer Website zusammengestellt.

Ingeborg Woitsch