Szenisches Verstehen

Institut für Spiel und Sprache - Programm Koreanischen Kafka-Gesellschaft 2007

Auszug aus dem Vortrag

"...offen gesprochen habe ich mit Dir niemals."

gehalten am 16.6.2007 auf Einladung der Koreanischen Kafka-Gesellschaft in Seoul von Angela Thamm

Der 26-Jährige fühlt sich in seiner Sprachlosigkeit eingekerkert und gefangen. Seine Alpträume sind in ihrer diffusen Destruktivität weder kontrollier- noch steuerbar. Von der Dynamik des gedanklich Unfassbaren, des in Sprache nicht eingeholten und im Sinne Lorenzers „desymbolisierten“ Materials fühlt sich Kafka immer wieder in traumatische Abgründe stummer Desorientierung gerissen. Vertrauensvolles Erzählen konnte Franz Kafka in seiner Familie nicht lernen. Während die väterliche Autorität als Sprachverbot wirkte, fehlten sowohl Mutter als auch den Schwestern häufig selbst die richtigen Worte.

Fotomontage: Der 4-jährige Kafka und sein Vater - © Binsfeld web&print

Von Kind an verfügt Franz über eine scharfsinnige Wahrnehmung und hohe Sensibilität - und er sucht nach Ausdruck für seinen Spürsinn und seine Sicht der Dinge. Dem Ziel, im persönlichen Ausdruck sich selbst und anderen les- , erleb- und verstehbar zu werden gilt – auch um der eigenen „Selbstsorge“ willen, Kafkas Werk. (Vgl. hierzu das romantische Programm von Bettine und Achim von Arnim).

"Wunsch, Indianer zu werden -

Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem erzitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf."

(F.K. GW, Erzählungen, S. 7)

Ein Indianer, dem das Pferd nicht gehorcht, der weder Sporen noch Zügel hat, es zu lenken, ja dem, noch bevor er neues Land sieht, des Pferdes Hals und Kopf abhanden kommen, muss sich macht- und hilflos fühlen. In der kleinen undatierten literarischen Geschichte misslingt die inszenierte Befreiung – und womöglich soll sie das auch.