Sprachforschung der Gebrüder Grimm

Neben den Märchenerzählungen sind die Brüder Grimm auch für ihr Deutsches Wörterbuch bekannt. Das webbasierte Projekt des Goethe-Instituts „Grimm’sches Wörterbuch – einmal wöchentlich …“ stellt daher ab Februar 2014 Begriffe von Persönlichkeiten vor.

Um den ersten Beitrag wurde Dr. Angela Thamm gebeten.

Text von Angela Thamm zu dem Begriff "Eigensinn" aus den Grimm'schen Wörterbüchern

Auf Spurensuche in der Welt unserer Wörter:

Auschnitt aus dem alten 1000 DM Schein, auf dem die Gebrüder Grimm porträtiert sind. Quelle: Wikimedia

„Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte.“ Mit diesem Satz beginnt die kurze Geschichte „Das eigensinnige Kind“ aus der Sammlung von 1819, bei der wir uns wundern, wie es sich unter den Happy-End-Märchen hat einschmuggeln dürfen. Denn da gibt es kein königliches Wesen, kluges Tier oder gar plötzliche Zauberkräfte. Ein Kind ist ungehorsam und entspricht in seinem Verhalten nicht dem, was sich die Mutter wünscht: sein Eigen – Sinn , so übrigens die ursprüngliche Schreibweise, wie wir aus dem Grimmschen Wörterbuch erfahren, bleibt unerfragt und wird am Ende über den Tod des Kindes hinaus noch gnadenlos bestraft. –

Blättern wir hinein in das Grimmsche Wörterbuch so findet sich Eigen Sinn und eigen-sinnig in eigentümlicher Nachbarschaft zwischen Eigenmacht und eigenmächtig – und mit Zitaten aus den Texten Goethes, Schillers sowie vieler anderer. Der stetige künstlerisch-kreative Wandel von „Sprachspielen“ im Sinne Wittgensteins wird deutlich sowie die Veränderbarkeit ihrer Bedeutungen im szenischen Gebrauch der Kultur.

Sprache in Bewegung oder, linguistisch ausgedrückt, die Dynamik von Oberflächen- und Tiefenstruktur steht im Mittelpunkt der historischen Fleißarbeit der Grimms in der Zeit der Klassik und Romantik. Zusammen mit den Sprachphilosophen ihrer Zeit erkannten sie, dass gegenseitiges Verstehen von Erlebtem an die mit ihnen verbundenen arbiträren Buchstabenfolgen geknüpft ist und sich dies international, interkulturell und individuell unterscheidet: Übersetzer wissen, wie sich die kulturellen Verschiedenheiten in der Wörterwelt niederschlagen: Denn Verstehen will stets erarbeitet sein! –

Leseterassen im Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin. Quelle Wikimedia

Der positive, gesunde neue Eigen Sinn erwächst zur Grimm-Zeit bei den Männern auf ihren Reisen, den Frauen in Briefen und bei beiden gemeinsam in der Literatur und insbesondere der Märchenwelt. Hier entfaltet– und greifen wir kurz historisch vor in psychoanalytisches und literaturtherapeutisches Wissen – Sprache traumähnliche Räume: Neue innere Bilder entstehen, Gutes und Böses kommunizieren nebeneinander, sortieren sich neu, denn „wenn sie nicht gestorben sind, dann leben Sie noch heute.“

Zum Schluß ein Blick in die Gegenwart: „Kassel. Arme Söhne gehen in die Welt und werden Könige, Töchter lassen sich nicht einfach verheiraten – die Grimm’schen Märchen stecken voller Aufmüpfigkeit und Eigensinn“ – so der Auftakt zur Grimm-Woche 2013 in Dok 4“. – Und dass „LernLust und EigenSinn“ gegenseitig nahezu unverzichtbar sind, liest man auch ganz aktuell im Netz! – Und danken wir dem Fingerzeig des „eigensinnigen Kind“ im Grimmschen Märchen und der eindrucksvollen Illustration von Nikolaus Heidelbach: Menschen brauchen hinter den Wörtern die Sprachspuren der Kunst, Literatur und Kultur – ja die der Märchen und ihrer Traum-bilder. Und eines der schönsten und wichtigsten Wörter für mich dabei ist „Eigen Sinn“.