Schreiben in therapeutischen Prozessen

Mit einem Fallbeispiel aus meiner psychotherapeutischen Praxis möchte ich, im Einvernehmen mit der Patientin, im folgenden einen Einblick in die literaturtherapeutische Praxis geben:
Mitte 2003 findet notfallmäßig eine zierliche junge Frau, ich nenne sie hier Anna K., [...] zu mir in die Praxis. . Bei einem Klinikaufenthalt einige Wochen zuvor habe sie bei der Seidenmalerei "ihren Engel" gemalt. Er hänge nun über ihrem Bett.
Die erste literaturtherapeutische Idee ist, Annas Sprachspielraum zu erweitern, ist, ihren Engel als verlässlichen inneren Begleiter in ihren inneren Dialogen zu verankern. In einem eigenen Gedicht über ihn berichtet sie, dass er ihr Hoffnung, Schutz und Geborgenheit gebe.

Illustration: Stefanie Sperlein, Klasse 5a der BNV Bamberg
Illustration: Stefanie Sperlein, Klasse 5a der BNV Bamberg

Und auch ich schreibe für Anna, die das Seidenbild auch in eine Therapiestunde mitbringt, ein Gedicht, in dem ich die heilsamen Botschaften zu vertiefen suche und therapeutische Interventionen "zwischen den Zeilen" im Text verstecke: "Mein Schutzengel lernt mich kennen – Und ich lerne, ihm zu vertrauen. Mein Schutzengel lernt, mich zu fragen, was ich brauche – Und ich lerne, ihm zuzuhören und zu tun, was er mir rät." Mein Schutzengel bemerkt, wenn ich schneller will, als ich eigentlich kann. Er tut mir gut – er ist mein bester Freund…"

Wenige Wochen später kommt es zu einer Krise, in der ich Anna nicht mehr wie bislang erreichen kann. [...] Da erinnere ich mich, dass sie das Buch von "Momo" von Michael Ende liebt (Ende 1973) und Momo bewundert.
Ich hole Schreibzeug für uns beide, und jede von uns beginnt, einen Brief an Momo zu schreiben.
Annas Text lautet: Aachen, den 12.10.2004 Hallo Momo, du kennst mich nicht, aber ich kenne dich bzw. möchte dich gerne kennenlernen. Deshalb lade ich dich hiermit ganz recht herzlich ein, zu mir zu kommen. Es wäre schön, wenn du kommen würdest, denn ich glaube, du kannst mir dabei helfen mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Im Moment, bin ich total verzweifelt, so verzweifelt, dass ich nicht mehr weiter weiß. Es wäre schön, wenn du kommen würdest. Ich würde mich freuen. Anna

In der nächsten Therapiestunde erfahre ich aus einem Text, den Anna mir strahlend vorliest, dass Momo der Einladung in Annas Leben tatsächlich gefolgt ist und – als Expertin für die Zeit – Annas gedankliche Engpässe sanft spiegelnd zu korrigieren sucht: "Du läufst nur weg vor Dir selbst", lässt Anna Momo sagen. "Nimmst dir keine Zeit zum Träumen und schreiben. Meinst immer stark und schnell sein zu müssen…"
Während der folgenden Wochen und Monaten begleitet Momo Anna in vielen Szenen ihres Alltags: beim Joggen, beim Aufräumen, beim Stadtbummel, in die Sauna, ja selbst in die Therapiestunde. – Und sie ist auch da, als Anna krank ist. Momo pflegt mich gesund.

Aachen den 18.11.2004 Als ich aufwache steht Momo vor meinem Bett.
"Bist Du schon lange da?"
"Ja, schon die ganze Nacht, Anna."
Da fällt mir wieder ein, dass Momo total durchnässt vor meiner Tür stand, gestern Abend und ich ihr angeboten habe, bei mir zu übernachten.
"Du hörst dich aber gar nicht gut an, Anna, bist Du etwa erkältet? Die ganze Nacht schon hast Du gehustet. Willst Du nicht lieber mal einen Arzt aufsuchen?"
"Wegen dem bisschen Husten brauche ich doch keinen Arzt, Momo, außerdem habe ich kein Fieber."
"Gehst wohl nicht besonders gern zum Arzt, Anna, stimmt's?"
"Stimmt, Momo, aber das dürfte bei meiner Geschichte auch nicht verwunderlich sein, oder?"
"Nach dem, was ich so von Dir gehört habe, Anna, magst Du da recht haben, aber was fällt Dir daran so schwer?"
"Ich kann nichts damit anfangen, wenn sich jemand Sorgen um mich macht, weil sich früher auch niemand Sorgen um mich gemacht hat."
[...]
"Trotzdem sollten wir gemeinsam einen Weg finden für Dich, wie Du es ändern kannst. Wie wäre es zum Beispiel wenn ich Dich jetzt gesund pflegen würde?"
"Es löst schon ein komisches Gefühl in mir aus, aber ich könnte es mir vorstellen, Momo."
"Das ist doch ein Wort, Anna, da fang ich doch gleich mal damit an."
Ein paar Minuten später steht Momo schon mit einer heißen Tasse Erkältungstee vor meinem Bett, die ich dankend annehme. [...]

Literaturtherapeutisches Handeln (vgl. Thamm 2006) bedeutet, wie in der Szene des dem Elefanten (vor)lesenden Mädchens, mit Hilfe von Medien Sprachspielräume den Träumen gleich ressourcenorientiert zu rekonstruieren oder / und zu erweitern.

Thamm, Angela (2006): Sprach Spiel(t)Räume. Zur Wiederentdeckung des Schreibens in therapeutischen Prozessen. In: Schreiben im Kontext von Schule, Universität, Beruf und Lebensalltag. Hrsg. von Johannes Berning, Nicola Keßler, Helmut H. Koch (Reihe: Schreiben – interdisziplinär, Bd. 1). Münster: LIT-Verlag.